Interview mit Dr. Angela Keim

Durch ihre Arbeit im Sozialzentrum Sf. Lazar kennt Dr. Keim vergleichbare Angebote in Bukarest und weiß daher um die Einzigartigkeit des CONCORDIA-Sozialzentrums:

„Im Zuge des Networkings haben wir uns viele andere Notschlafstellen und Tageszentren in Bukarest angesehen. Viele bieten nur eine karge Übernachtungsmöglichkeit und tagsüber einen Fernseher als Programm an. Therapeutische, sozialarbeiterische oder medizinische Angebote fehlen oft gänzlich. Im Gegensatz dazu kann man das Lazar als „high treshold“- Zentrum bezeichnen: Wir bieten vielseitige Hilfestellungen für verschiedene Zielgruppen an. Die Menschen erhalten dadurch die Chance, wirklich etwas zu verändern und einen oder mehrere Schritte vorwärts zu machen. Unter anderem geschieht das durch die Dreiteilung Notschlafstelle - Tagesprogramm – Jobcoaching, d.h. begleitete Vorbereitung auf den Arbeitsmarkt und Jobsuche, die man als Stufen auf dem Weg in die Unabhängigkeit sehen kann.“

Viele Menschen jedoch werden aufgrund der langen Jahre, die sie auf der Straße verbracht haben, kaum mehr in die Unabhängigkeit und ins Arbeitsleben zurückfinden können. Vielfältige Traumata, Gewalterfahrungen und Drogenkonsum haben bei vielen dieser Menschen zu starken psychischen Beeinträchtigungen geführt. Doch selbst in diesen Fällen hat Dr. Keim Hoffnung auf kleine, schrittweise Verbesserungen, z.B. durch die wöchentlichen Gruppentherapien:

„Für mich als Therapeutin ist es sehr bewegend zu sehen, wie manche unserer Klient/innen, deren Reflexionsfähigkeit und -bereitschaft ich als sehr niedrig eingestuft habe, sich dort im sicheren Rahmen öffnen und verändern. Und wie das Gemeinschaftsgefühl steigt und sie sich gegenseitig stützen. Immer wieder bin ich überrascht, was sie ausdrücken und was sie wahrnehmen, wenn man ihnen den Rahmen dafür bietet.“

Vor allem von den Ergebnissen des von ihr neu eingeführten Akupunktur-Angebots war sie selbst positiv überrascht:

„Ich gewinne mehr und mehr den Eindruck, dass der Weg vieler dieser Menschen, die so wenig gelernt haben, zu reflektieren, und ihre Bedürfnisse und Emotionen zu kennen, über den Körper geht. Über Akupunktur, Bewegung, Berührung. Wenn sie wieder in ihrem Körper angekommen sind, scheint die Seele Kraft zu haben, zu heilen.“

Fotos: © Benjamin Kaufmann 2015, Dr. Angela Keim

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